
Tolkien und Selkai
Vor langer, langer Zeit lebte ein Junge in einem Dorf an einem See. Viele Leute behaupteten, in diesem See ein Ungeheuer erblickt zu haben, jedoch hatte keiner den Mut, mit einem Boot auf das Gewässer hinaus zu fahren, um das Tier zu fangen. Die Mütter dieses Dörfchens hatten Angst um ihre Kinder und deshalb durften sie auch nicht mehr am See spielen. Doch es gab einen Jungen, der sich nicht daran halten wollte, dieser Junge hieß Tolkien.
Tolkien spielte tagein, tagaus am See und hatte das Ungeheuer noch nie gesehen. Er hielt das Gerede der Erwachsenen für Unsinn und hatte auch keine Angst vor dem Tier, das angeblich in darin lebte. Eines Tages, als er wieder dicht an dem Gewässer spielte, fiel ihm auf, dass das Wasser Wellen schlug. Nur ganz leicht, aber deutlich sichtbar. Er stand auf und ging auf den See zu. Als seine Füße schon fast das Wasser erreicht hatten, hörte er leise das Schnauben eines großen Tieres. Sein Herz fing an zu klopfen. Er atmete ganz flach und versuchte, sich nicht zu bewegen. Aus dem Nebel, der den See umgab, zeichnete sich plötzlich ein dunkler Schatten ab, der immer größer wurde. Tolkien wich unwillkürlich vor dem Schatten zurück, hatte aber Angst, dass Ungeheuer würde ihn schnappen, sobald er sich schneller bewegte.
Und plötzlich sah er es: Es war ein riesiger Drache! Die Leute hatten also recht. Es gab wirklich ein Ungeheuer in diesem See. Der Drache kam immer näher auf ihn zu, machte aber keine Anstalten, ihn anzugreifen. Nun, das wäre auch nicht nötig gewesen, da so ein kleiner Junge nicht viel Widerstand hätte leisten können. Als sich Tolkien endlich wieder gefangen hatte, fing der Drache zu reden an.
"Hallo! Dich kenne ich doch! Du bist Tolkien, der tapfere Junge, der immer am See spielt. Hast du denn keine Angst vor mir?"
"Nein, ich hatte nie Angst vor dir. Warum auch? Ich wusste ja nicht, ob es dich auch wirklich gibt. Warum hätte ich vor etwas Angst haben sollen, was ich noch nie zuvor gesehen habe?", antwortete der Junge.
"Da hast du sehr recht.", sagte der Drache. "Man muss nichts fürchten, außer der Furcht selbst."(Manche Leute sagen heute, der Spruch wäre von Roosevelt, aber er ist schon viel älter.) "Wenn ich mich dir vorstellen darf: Ich bin Selkai, der Drache. Viele Bewohner des Dorfes, in dem du lebst haben Angst vor mir. Das tut mir sehr leid. Warum ist das so? Ich habe euch doch nie etwas getan!"
"Nun ja, die Leute haben Angst vor dir, weil sie nicht wissen, was Du bist und warum es dich gibt. Du bist so groß und, und, und", Tolkien stockte "deshalb haben die Menschen eben Angst vor dir."
"Oh, so ist das also. Deshalb dürfen die Kinder auch nicht mehr hier spielen, oder? Das tut mir sehr leid. Weißt du was? Wir gehen jetzt einfach ins Dorf und sagen allen, dass ich kein Ungeheuer bin, sondern ein ganz normaler Drache!"
Tolkien zögerte: "Aber Selkai, was ist denn, wenn die Leute dir nicht zuhören und weglaufen, wenn du ihnen das sagen willst?"
Da überlegte der Drache lange. Schließlich sagte er: "Gut. Du hast recht. Du sagst deinen Freunden, dass sie mit dir zum See kommen sollen."
"Aber was ist mit unseren Eltern?"
"Denen sagt ihr nichts. Ihr kommt morgen abend einfach zu mir und ich sage deinen Freunden, dass ich kein Ungeheuer bin, und sie keine Angst haben müssen."
"Na gut.", sagte Tolkien und verabschiedete sich.
Am nächsten Tag hatte Tolkien alle seine Freunde überredet, mit ihm zum See zu kommen. Als sie dort waren, rief er ganz laut nach seinem neuen Freund. Das Wasser schlug wie am Tag zuvor Wellen und ein Schatten tauchte aus dem Nebel auf. Selkai erschien.
"Guten Tag Selkai.", sagte Tolkien.
"Guten Tag, mein neugewonnener Freund."
Tolkiens Freunde waren verblüfft. Es war schon sehr seltsam, einen Drachen zu sehen, aber ihn auch noch reden zu hören, war etwas Außergewöhnliches. Sie begannen ihm Fragen zu stellen. Wo er denn herkäme, warum er ausgerechnet in diesem See wohne, wer seine Eltern seien, ob er noch Feuer spucken könne, weil er doch in einem See lebe, und so weiter. Selkai hörte sich jede Frage geduldig an und beantwortete sie. Das dauerte eine ganze Weile. Als sie endlich fertig waren, sagte Selkai:
"Ich möchte nicht, dass eure Eltern weiterhin Angst vor dem See und vor mir haben. Geht Heim und erzählt ihnen von mir!"
So gingen sie alle nach Hause und erzählten ihren Eltern von dem netten Ungeheuer, das in ihrem See lebte. Die meisten Eltern waren sehr verärgert darüber, dass ihr Kind am See war und so wollten sie die Geschichte erst gar nicht hören. Viele Kinder bekamen Hausarrest. Doch Tolkien wurde verschont. Seine Mutter war sehr traurig darüber, dass er sich über ihr Verbot, am See zu spielen, hinweggesetzt hatte. Sie versprach ihm jedoch, sich seine Geschichte bis zum Ende anzuhören. Und so fing Tolkien an, zu erzählen.
Als er fertig war, lachte seine Mutter und sagte: "Du denkst doch nicht etwa, dass ich dir das glaube, oder? Du hattest schon immer viel Phantasie. Und jetzt geh ins Bett!"
So schickte sie ihn also zu Bett. Tolkien lag noch lange wach und dachte darüber nach, was passiert war. Wie konnte er nur denken, dass seine Mutter ihm die Geschichte mit Selkai glauben würde? Nein, das würde so nicht funktionieren.
Am nächsten Tag besuchte er den Drachen.
"Das habe ich mir schon gedacht.", sagte Selkai, als Tolkien ihm die Geschichte mit seiner Mutter erzählt hatte. "Dann müssen wir uns eben etwas Anderes ausdenken. Da fällt mir etwas ein. Dreh dich um!"
Der Junge drehte sich um. Plötzlich spürte er, wie Selkais Kopf zwischen seinen Knien durch die Beine schlüpfte und er den langen Hals hinunter rutschte. Er konnte sich gerade noch festhalten, sonst wäre er von dem Rücken des Drachen gefallen.
"Was machst du?", rief Tolkien.
"Ich mache mit dir jetzt einen kleinen Spaziergang mit Dir."
Als Tolkien endlich herausfand wohin die Reise ging, war es schon zu spät. Der Drache war auf dem Weg ins Dorf. Schon von Weitem hörte man ihn kommen und die Menschen in dem kleinen Dorf fingen zu schreien an. Doch Tolkien kletterte auf den Kopf des Drachen und rief: "Liebe Leute! Hört mir zu! Der Drache ist kein Ungeheuer!"
Zuerst wollten die Menschen nicht hören, aber der Junge sprach immer weiter. Er erzählte ihnen, dass Selkai kein böser Drache war, und ihn, wie sie ja alle sehen konnten, nicht gefressen hatte. Langsam begannen die Bewohner des Dorfes, ihm zuzuhören und näher zu ihm zu kommen. Statt vor dem Drachen davon zu laufen, kamen sie jetzt näher zu ihm. Sie betrachteten ihn ganz genau und fingen an, die selben Fragen zu stellen, wie ihre Kinder. Sie hatten keine Angst mehr vor ihm. Und das war für Selkai das Allerschönste. Und von diesem Zeitpunkt an lebten sie glücklich und zufrieden mit einem Drachen in ihrem See.
